Schweizer Familie, September 2013


«Vier Handgriffe, und das Füdli ist sauber»

 

Simon Enzler, als Kind hat man viele Träume – erinnern Sie sich? 

Ich wollte Astronaut werden. 

Warum wurden Sie es nicht? 

Astronauten müssen mathematisch talentiert sein. Dieses Schulfach war aber nicht meine Stärke. 

Waren Sie als Kind ein Pausenclown? 

Nein, gar nicht. Ich bewunderte vielmehr andere Schüler, die gerne das Kalb machten. 

Trotzdem wurden Sie Kabarettist. 

Wahrscheinlich lernte ich von meinem Vater den Umgang mit Pointen. Er kann super Appenzeller Witze erzählen. 

Auf Ihrer Website ­schreiben Sie: «Als Kind hatte ich ein Händchen für Fettnäpfchen.» 

Ich hörte den Erwachsenen gerne bei ihren Gesprächen zu, machte mir meine Gedanken und sagte peinliches Zeug. 

Zum Beispiel? 

Mein Onkel Josef besass zwei Töffli. Eines Tages meinte er: «Wenn du 14 bist, schenke ich dir eines.» Jeder normale Bub hätte Danke gesagt. Ich hingegen antwortete: «Hoffentlich lebst du dann noch.» 

Hat Ihnen Ihr Onkel das versprochene Töffli je geschenkt? 

Ja. Töfflifahren war meine erste Freiheit. 

Als Töfflibueb fuhren Sie fürs Fernsehen nach Italien. Plagte Sie das Heimweh?

Nein. Obwohl ich noch nie vier Wochen am Stück weg war von daheim. 

Erinnern Sie sich an Ihren ersten Auftritt? 

Das war im Gymnasium. Mit Kollegen durfte ich die Fasnachtsunterhaltung gestalten. 

Kamen Sie gut an? 

So gut, dass die Lehrer die Unter haltung abschaffen wollten. 

Wieso das? 

Unsere Witze waren bitterböse. Wir waren 16 und wollten uns an der Macht reiben, die uns in der Schule beherrschte – den Lehrern. 

Begleitet Sie Ihre Arbeit bis in Ihre Träume? 

Manchmal wache ich auf und lache über komische Sätze, die ich sofort in ein Notizheft schreibe. 

Lachen Sie am Morgen immer noch darüber? 

Nein. Es sind meist absurde Wort gebilde. Ich fragte mich schon oft: Läck, mit welchem Zeugs beschäftigst du dich nachts? 

Wie denken Sie über Ihre Heimat Appenzell? 

Wer hier aufwächst, dem wird von Geburt an immer wieder erklärt, wie paradiesisch der Ort sei. Hört man es oft genug, beginnt man daran zu zweifeln. 

Weshalb? 

Appenzell ist schön. Aber leider spüre ich eine zunehmende Fremdenfeindlichkeit, die ich in meinen Nummern thematisiere. 

Woher kommt die Angst vor Fremden? 

Das frage ich mich auch: Warum ist die Angst dort am grössten, wo die Probleme am kleinsten sind? Bei uns leben im Vergleich zu an deren Kantonen wenig Asylanten. Und wenn man welche findet, verrichten sie gemeinnützige Arbeit.

Sie haben zwei Söhne. Ver änderten sich Ihre Träume, als Sie Vater wurden?

Meine Ängste wurden grösser. Kürzlich träumte ich, ich hätte den älteren Sohn im Auto vergessen, während ich in der Beiz war. Träume, in denen ich mich mit der Verantwortung gegenüber meinen Kindern auseinandersetze, habe ich ab und zu. 

Ist Windelnwechseln der Albtraum jedes Vaters? 

Nein. Beim ersten Mal war ich richtig stolz, um im gleichen Moment zu realisieren: Ab sofort machst du das täglich. Die Freude war schnell wieder weg. Aber schwierig ist es nicht: Vier Hand griffe, und das Füdli ist sauber. 

Simon Enzler, 37, ist Kabarettist. «Vestolis» ist sein achtes Bühnenprogramm. Die zweite Staffel «SRF bi de Lüt - Töfflibuebe» lief bis 20. Dezember 2013 auf SRF1. Enzler lebt mit seiner Familie in Unterschlatt AI. www.simonenzler.ch