Schweizer Familie, September 2013

Bitte nehmen Sie Platz

Gutes Benehmen bringt Vorteile. Es öffnet Türen und Herzen der Menschen. Unser Autor stellt sich einem Knigge-Dinner mit Hindernissen und lernt Benimmtricks.

 

 

Wo sitzt der wichtigste Gast am Tisch? Wann wird angestossen? Und wie die Serviette richtig benutzt? Bis heute orientieren sich unsere Benimmregeln an Adolph Franz Friedrich Ludwig Freiherr von Knigge und seinem im 18 . Jahrhundert geschriebenen Buch «Über den Umgang mit Menschen». Dabei wollte Knigge gar keinen Benimmratgeber schreiben. Zumindest nicht nur, erklärt Hanspeter Vochezer am Ende seines «Knigge-Dinner-Seminars». Knigges Hauptanliegen würde man heute wohl «soziale Kompetenz» nennen.

Hanspeter Vochezer war Hoteldirektor. Heute arbeitet der 36-Jährige als Butler auf Mandatsbasis überall auf der Welt. Einen Sommer lang diente er bei Gunter Sachs in Palm Springs. Er weiss also um gutes Benehmen. In seine Seminare kommen Leute, die sich im Geschäft wie im Privaten korrekt bewegen wollen.

Der Mensch wird lieber unterhalten als unterrichtet: Vochezers Seminare sind Dinners. Auf uns elf Gäste wartet an diesem Abend ein Sieben-Gang-Menü. Während des Apéros stösst der Gastgeber mit jedem von uns an. Als wir zu Tisch gehen, ist er trotzdem nicht betrunken: «Ich führe das Champagnerglas an meinen Mund, trinke aber nicht.» Das ist einer der Benimmtricks, die ich in den folgenden vier Stunden kennenlernen werde. Psychologisches Geschick ist gefragt bei der Sitzordnung. Der Satz «Nehmen Sie einfach Platz, wo Sie möchten» verunsichert Gäste nur. Grundsätzlich gilt: Der wichtigste Gast sitzt neben dem Gastgeber, ausserdem gilt Rang vor Alter vor Geschlecht. Aber: «Die Tischordnung variiert stark, je nachdem, ob es ein privater oder geschäftlicher Anlass ist», sagt Hanspeter Vochezer. Paare auseinanderzusetzen ist zwar erlaubt, aber bei einem Essen mit Freunden wenig empfehlenswert.Wann wird am Tisch das Glas erhoben? Der Gastgeber tut es als Erster. Angestossen werde, so Hanspeter Vochezer, mit den direkten Nachbarn und den Gegenübern. Und wie geht er mit der helvetischen Unsitte um, mit jedem am Tisch anstossen zu wollen? «Bei privaten Essen ist das kaum zu verhindern, in der Geschäftswelt aber besser zu unterlassen.»Was hingegen immer gilt: Bei heiklen Gästen, schwierigen Geschäftsessen oder wichtigen Gesprächen einfache Speisen wählen. Hanspeter Vochezer baut während seiner Knigge-Dinners extra Klippen ein. Eine ganze Artischocke, als Vorspeise serviert, sorgt für Hilfe suchende Blicke. Galant zeigt der Gast­ geber, wie sie verspeist wird: Ess bar sind der untere Teil der Blätter und der Blütenboden.

Richtiges Benehmen am Tisch ist gar nicht so schwer. «Man hört am besten auf sein Bauchgefühl», sagt Hanspeter Vochezer. Er halte zudem an den alten Werten fest, adaptiere sie aber an die heutige Zeit. Die Gleichberechtigung von Frau und Mann etwa machte manche Benimmregel hinfällig.Übrigens: Wer sich an den Knigge-Dinners unkorrekt benimmt, muss keine negativen Konsequenzen befürchten. Er wird höchstens sympathisch darauf aufmerksam gemacht, was richtig wäre. Der einzigen Dame am Tisch erklärt der Gastgeber, wie das mit dem Rauchen funktioniert. Frühestens nach dem Hauptgang sollte geschmaucht werden – wenn alle mit dem Essen fertig sind. «Geht ein Raucher allein vor die Tür», so Hans­peter Vochezer, «begleitet ihn der Gastgeber nach draussen – als Gesprächspartner.»Beim nächsten Essen mit Freunden werde ich von meinem neu erworbenen Knigge-Wissen erzählen. Aber nur ein bisschen. Ich will ja nicht als schwatzhaft gemassregelt werden.


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