Schweizer Familie, Februar 2014

Schachspiel auf dem Eis

Kegeln mit kalten Füssen - so wird Curling manchmal abschätzig genannt. Unser Autor testete den Sport und hatte viel Spass am komplexen Spiel mit den fast 20 Kilo schweren Steinen.

 

Und dann rutscht mein Stein durch das Haus ins Aus. Ich fluche. Meine Verärgerung verrät den Anfänger: Profi-Curler diskutieren nicht über einen Fehlstein. Verfehlt, vorbei, vergessen. Bereits der nächste Stein kann den Verlauf des Spiels entscheidend ändern. 

Kegeln mit kalten Füssen wird Curling hin und wieder abschätzig genannt. Ich kann nach meinem dreistündigen Schnupperkurs auf der Curlingbahn Dolder in Zürich sagen: Das ist Blödsinn! Curling ist ein Sport, bei dem technisches Geschick, taktisches Können und mentale Stärke gefragt sind – und viel Körperbeherrschung. Es gleicht eher einem Schachspiel auf Eis. 

Bevor ich aufs Glatteis darf, bekomme ich eine Viertelstunde Theorie von Curlinglehrer Peter Wildhaber: Vier Spieler bilden ein Team. Gespielt werden zehn Ends, vergleichbar mit einem Satz im Tennis, während deren jeder Spieler je zwei Steine abgibt, macht total acht. Ziel ist es, möglichst viele Steine ins Haus zu spielen, den blau-weiss-roten Kreis am Ende der 45 Meter langen und 5 Meter breiten Bahn. Ein paar Vorsichtsmassnahmen werden mir auch auf den Weg gegeben: Die fast 20 Kilo schweren Granit­steine nicht aufheben und nicht rückwärtsgehen – wegen der Sturzgefahr. 

Dann darf ich aufs Eis und die Steinabgabe üben. Den rechten Fuss stelle ich in den Hack, eine Art Startpflock. Den Besen klemme ich mir als Stütze unter den linken Arm. Danach gehe ich in die Hocke, stosse ab und lasse den Stein los. 

Er gleitet ruhig über das Eis und verhungert, bleibt also vor dem Haus liegen. Das ist nicht in jedem Fall schlecht: Denn längst nicht jeder gespielte Stein soll im Zentrum landen. Je nach Taktik soll er Guard sein und das Haus bewachen, also davor liegen bleiben, oder er ist Take-out und soll gegnerische Steine wegräumen. Die englischen Ausdrücke kommen übrigens von den Schotten, den Erfindern des Curlingsports. 

In der Schweiz gibt es über 10 000 Spielerinnen und Spieler. Nach einem Rückgang vor ein paar Jahren sorgten die internationalen Erfolge der Schweizer Curler dafür, dass die Sportart wieder stärker im Fokus steht, meldet Swiss Curling. 

Ich schiebe weiter Steine. Nach fünf Versuchen das erste Erfolgserlebnis: Der Stein bleibt im Haus liegen. Die Brocken aus Granit sollen auf ihrem Weg übers Eis drehen, also curlen. Jeder Stein muss deshalb mit einer Links- oder Rechtsdrehung abgegeben werden. Tönt komplizierter, als es in Wirklichkeit ist. Bei mir funktioniert es gut. Oder ist es Anfängerglück, dass fast jeder zweite im Haus stoppt? 

Das Haus treffen ist das eine, ­zielen das andere. Im Spiel bestimmt der Skip, der Kapitän der Mannschaft, die Taktik. Er muss das Eis lesen können und auch unter Druck cool bleiben. Weil der Skip meistens am Ende der Bahn steht, schreit er oft durch die Halle, was Curling zu einem lauten Sport macht. Ist ein Stein zu langsam unterwegs, ruft der Skip: «Wisch! Wisch!» Damit kommen wir zur Funktion der Besen. Durch das Wischen des Eises kann der Weg eines Steines bis zu vier Meter verlängert werden. Meine Putzversuche scheitern kläglich. Ich wische zu weit weg vom Stein und komme dabei auch noch ins Stolpern. 

Weitere Wischereien verschiebe ich auf meine nächste Curlingstunde in drei Wochen. Der Kurs hat Spass gemacht. Darum werde ich dann mit sieben Freunden üben, damit wir ein Spiel austragen können. 

Übrigens: Gegen kalte Füsse schützen Lammfellsohlen. 

Bruno Bötschi

 

Kursinformationen Curling-Schnupperkurse auf der Eisbahn Dolder, Zürich, ab 30 Fr., www.curlingevents.ch