​​Schweizer Familie; September 2013

 

«Kleider müssen bewohnbar sein»

Sie entwirft Kleider, wie sie lebt: Mit Raum zum Atmen. Modemacherin Christa de Carouge gibt nach 25 Jahren ihr Geschäft auf. Und fährt erstmal in Ruhe mit dem Postauto in die Berge.

Frau de Carouge, herzliches Beileid.

Danke. Meine Mutter Claire Furrer wurde fast 104 Jahre alt. Sie hatte ein wunderbares Leben. Vor vier Wochen durfte sie in den eigenen vier Wänden sterben, so wie sie es sich gewünscht hatte. 

Sie klingen gar nicht traurig. 

Meine Mutter wollte nicht, dass wir nach ihrem Tod ein Gschiss machen, herumhocken und weinen. 

Sie beide hatten ein tolles Ver­hältnis: Claire Furrer arbeitete bis im Alter von 90 in Ihrem ­Kleiderladen mit. 

Sie war phänomenal. Noch heute kommen Kundinnen zu mir und sagen: «Wissen Sie, Frau de Carouge, Ihre Mutter ­beriet mich immer toll.» 

In Ihrer Biografie «Christa de Carouge – Schwarz auf Weiss», die dieser Tage erscheint, sagen Sie: «Der Tod ist so selbstverständlich wie das Leben: Man muss nicht nur zu leben, sondern auch zu sterben wissen.» 

Das ist meine Überzeugung. Ich bin Mitglied bei der Sterbeorganisation Exit und sage es gerne hier und heute offiziell: So alt wie meine Mutter werde ich nicht. 

2013 scheint für Sie ein Jahr des Loslassens zu sein: In der Bio­grafie kündigen Sie an, Ende Jahr Ihren Laden zu schliessen. 

Ich habe seit 25 Jahren ein Geschäft in der Mühle Tiefenbrunnen in Zürich. Die Zeit kam mir nie lange vor, weil es immer gut lief. Künftig will ich mich aber nicht mehr dem Druck aussetzen und von Mittwoch bis Samstag von morgens bis abends im Laden präsent sein müssen. 

Im Februar mussten Sie drei Wochen ins Spital. 

Ich litt an einer Bauchspeicheldrüsen­entzündung. Eine komplizierte Sache. Zwei Monate später hatte ich einen Rück fall, musste nochmals ins Spital. Der Arzt meinte, Nervosität und Stress könnten diesen verursacht haben.

War die Krankheit Auslöser für Ihren Entscheid, den Laden aufzugeben? 

Ja. Ich musste eingestehen, einen Laden zu führen bedeutet immer auch Stress zu haben.

Sie sind 77. Welche Pläne haben Sie? 

Ich werde weiterhin Kleider kreieren. 

Erzählen Sie. 

Meine Kreationen entstehen ab nächstem Jahr bei mir zu Hause auf zwei grossen Holztischen. 

Das Ende wird zum Neuanfang. 

Genau. Künftig beschäftige ich mich mit Kunst am Körper. Man könnte es auch textile Architektur nennen. Meinem Stil der weit geschnittenen Kleider werde ich treu bleiben. Aber ich will auch neue Formen realisieren. Ich werde nähen, kleben und bostitchen. Grenzen gibt es keine. Vielleicht werde ich Schrauben als Verschlüsse verwenden. Alle Modelle werden von Hand gemachte Einzelteile sein. 

Werden Sie diese verkaufen? 

Zuerst nicht. Ich will mir für den Aufbau meines Projektes zwei Jahre Zeit lassen. Später möchte ich die Kreationen in einer Galerie oder sonst an einem speziellen Ort vorstellen. 

Und wo kaufen Ihre Stamm­kundinnen künftig ein? 

Ich empfehle ihnen, Hamsterkäufe bei mir zu tätigen. 

Sie scherzen. 

Natürlich. Die meisten Menschen, die meine Kleider tragen, haben ein gewisses Alter. Sie haben bereits derart viele Teile von mir im Schrank hängen, dass es bis an ihr Lebensende reichen sollte. 

Und wenn doch der Notstand ausbricht? 

Da würde ich mich hilfsbereit zeigen. Den Kontakt zu den Schneiderateliers halte ich ja weiterhin. 

Bleiben Sie bei Ihren neuen Kreationen der Farbe Schwarz treu? 

Ganz stur, ja. 

Seit wann kleiden Sie sich ausschliesslich schwarz? 

Seit 25 Jahren. 

In Ihrer Biografie sagen Sie: «Ich will zu 100 Prozent hinter allem stehen, was ich tue.» Warum können Sie nicht zu Farben stehen? 

Früher liess ich mich zu modischen Kompromissen hinreissen. Oft wurde ich gefragt: «Können Sie nicht einmal etwas Farbiges kreieren?» Irgendwann war der Druck gross genug, es meiner Kundschaft recht zu machen. Mit der Farbe Rot fing ich an, Modelle in Grün und Beige folgten. 

Ihnen gefielen die Kreationen nicht. 

Das stimmt. Obwohl ich versuchte, mich mit den Farben auseinanderzusetzen. Ich trug die Kleider sogar selber. Meistens ging ich aber nach wenigen Metern wieder nach Hause zurück und zog mich um. 

Warum? 

Ich fühlte mich in den Kleidern unwohl. Das war nicht ich. 

Mit den Jahren wurden Sie immer kompromissloser. 

Ja. Ich wurde damit glaubwürdiger . 

Wann gingen Sie zum letzten Mal einen Kompromiss ein? 

Heute Morgen beim Spaziergang mit Sushi, meinem schwarzen Spaniel. Er wollte nach links, ich nach rechts. Sushi setzte sich durch. 

Geben Sie nicht gerne nach? 

Ja. Nein. Früher war ich auch privat ein sturer Grind, wollte um jeden Preis recht haben. Heute bin ich eine bessere Diskussionspartnerin. Die Jahre liessen mich weicher werden. 

In einem Interview sagten Sie: «Wenn ich mich 100 Prozent auf eine Sache konzentriere, gelingt sie – und zwar immer.» Muss im Leben alles gelingen? 

Natürlich nicht. In meinem neuen Lebensabschnitt ist Verlieren erlaubt. 

Warum lachen Sie jetzt? 

Ich war früher beruflich eine Streberin und verlor nur ungern. Vielleicht lag das da­ran, weil ich privat öfter scheiterte. 

Sie waren in jungen Jahren zweimal verheiratet: Beide Ehen gingen in die Brüche. Was brauchen Sie zum Glücklichsein?

Nicht viel. 

Bitte etwas konkreter. 

Zum Glücklichsein brauche ich Freiheit – in allen Bereichen des Lebens. Ich kann allein glücklich sein oder mit anderen Men schen zusammen. Ich lebe zwar allein, habe aber eine grosse Familie, die ich oft sehe. 

Aus Ihrer Sicht müssen Kleider «so beschaffen sein, dass sie auch zu den einfachsten Lebensumständen passen. Es muss möglich sein, darin im Freien zu übernachten.» 

Kleider müssen bewohnbar sein. Und mei ne Kreationen sollen Befreiung sein – sprich: das Oberteil, die Hose, fertig. Unterwäsche ist unnötig. Ich jedenfalls trage keine. 

Die englische Modedesignerin Vivianne Westwood, die Erfinderin der Punkmode, trägt auch nur selten welche. 

Die Westwood ist ein irrsinnig gutes Weib. Sie blieb ihrer Sache auch konsequent treu. 

Was unterscheidet Stil und Mode? 

Mode kommt und geht, Stil bleibt. Bis fünfzig sollte ein Mensch seinen Stil gefunden ha ben und ihn ausleben. Wer das tut, lebt einfacher. Es ist ihm wohler. Übrigens, auch Jeans mit T-Shirt ist ein Stil. 

Welches Teil muss eine Frau unbedingt haben? 

Flache Schuhe. 

Mögen Sie Absätze nicht? 

Frauen in Stöggis erinnern mich an Störche. Die wenigsten, die sie tragen, können damit laufen. Ich verstehe Männer nicht, die High Heels sexy finden. 

Gibt es andere modische Trends, die Sie nicht mögen? 

Hautenge Kleider sind mir ein Gräuel. 

Wie werden Ihre Tage nach der Ladenschliessung aussehen? 

Zuerst werde ich vor allem eines tun: mir Zeit lassen. Nach der Abnabelung vom Laden werde ich bei mir zu Hause Platz schaffen. Einatmen. Ausatmen. Und dann mit dem Postauto in die Berge fahren. Darauf habe ich Lust. In der Tasche werde ich immer einen schwarzen Filzstift und einen Block zum Skizzieren dabeihaben. 

Lenkt Sie die Schönheit der Natur nicht vom Kreativsein ab? 

Im Gegenteil. Die Natur stimuliert. Ich ­werde auf einem Bänkli sitzen, meine Ideen zeichnen und beschreiben und danach in einem Beizli ein Gläsli trinken. 

In der Todesanzeige für Ihre Mutter schrieben Sie: «Au revoir ma mère». Wo werden Sie Ihre Mutter wieder sehen? 

Ich treffe sie nicht mehr. 

Warum nicht? 

Ich glaube nicht an Wiedergeburt oder daran, dass wir irgendwann zusammen auf einer Wolke sitzen werden. 

Warum dann «au revoir»?

«Au revoir» bedeutet, ich begegne meiner Mutter in mir. Wenn ich irgendwo sitze und mich an unsere Paris-Ausflüge oder an die Reise nach New York erinnere. Oder daran, wie wir zusammen ins Kino gingen und Wein tranken. Das waren wunderbare Momente. 

 

Christa de Carouge wurde am 5. August 1936 als Christa Furrer in Basel geboren. Sie wächst in Zürich auf und lernt Grafikerin. In den 60ern flieht sie aus dem bürgerlichen ­Zürich nach Genf. Seit 1965 ist sie im Modedesign tätig. 1978 eröffnet sie ein eigenes Atelier im Genfer Vorort Carouge und nimmt den Künstler­namen Christa de Carouge an. 1983 präsentiert sie ihre erste Kollektion ganz in Schwarz. Fünf Jahre später eröffnet sie den Atelierladen in der Mühle Tiefenbrunnen in Zürich. Anfänglich pen delt sie zwischen Carouge und Zürich hin und her, seit 2004 lebt und arbei tet sie nur noch in der Lim­mat­stadt.

Biografie: «Christa de Carouge – Schwarz auf Weiss» von Georg Weber, Römerhof Verlag, 2013. Das Buch enthält zahlreiche Mode-Abbildungen in Schwarz-Weiss. 255 Seiten, 44 Franken. 

www.christa-de-carouge.ch

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